Gesundheitliche Beschwerden
Arbeitsbezogene Belastungen

FORSCHUNGSBERICHT ZUR MENTALEN GESUNDHEIT VON HAUPTAMTLICHEN VERÖFFENTLICHT

NEUE STUDIE ZEIGT HOHE BELASTUNG, STRUKTURELLE HERAUSFORDERUNGEN – UND KONKRETE ANSATZPUNKTE FÜR VERÄNDERUNGEN

Kassel, 11.03.2026 – Wie geht es den Fachkräften in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit? Dieser Frage widmet sich ein neuer Forschungsbericht des Instituts für missionarische Jugendarbeit der CVJM-Hochschule im Rahmen des Projekts „Zukunft der Jugendarbeit“. Die Studie liefert erstmals eine umfassende empirische Analyse der mentalen Gesundheit hauptamtlicher Mitarbeitender in diesem bislang wenig erforschten Arbeitsfeld.

Die Untersuchung basiert auf einer standardisierten Online-Befragung von 1.200 hauptamtlichen Fachkräften, die im Frühjahr 2025 durchgeführt wurde. Befragt wurden Mitarbeitende mit mindestens 15 Wochenstunden Tätigkeit in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit. Der Bericht liefert eine differenzierte Bestandsaufnahme der Belastungssituation, identifiziert strukturelle Herausforderungen und zeigt mögliche Ansatzpunkte zur Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes auf. „Die Situation ist durchaus sehr ernst zu nehmen, wenn man berücksichtigt, dass Hauptamtliche Kinder und Jugendliche in ihren herausfordernden Lebenssituationen begleiten sollen, die ebenfalls zunehmend von psychischen Belastungen geprägt sind. Dazu sollten sie selbst ausgeglichen und mental gesund sein – das sind sie aber häufig nicht, wie die Studie zeigt“, resümieren die Herausgebenden der Studie.

Hohe Belastung als strukturelles Phänomen

Die Ergebnisse zeichnen ein deutliches Bild: Überlastung ist für viele Fachkräfte Alltag. 70 % der Befragten fühlen sich mindestens gelegentlich überlastet, während nur vier Prozent angeben, nie Überlastung zu erleben. Knapp ein Drittel musste sich bereits aufgrund der Arbeitsbelastung krankschreiben lassen. Zudem arbeiten 62 % häufig über ihre vertraglich vereinbarte Arbeitszeit hinaus.

Auch psychosomatische Beschwerden treten überdurchschnittlich häufig auf. Besonders verbreitet sind Müdigkeit und Erschöpfung (80 %), emotionale Erschöpfung (64 %), Schlafstörungen (45 %) sowie Niedergeschlagenheit und Reizbarkeit. Die Werte liegen deutlich über den Vergleichswerten anderer Berufsgruppen und auch über denen der Sozialarbeit insgesamt.

Die Studie zeigt zugleich, dass diese Belastungen nicht primär individuelle Probleme darstellen, sondern eng mit strukturellen Bedingungen, organisationalen Rahmenbedingungen und kulturellen Erwartungen im Arbeitsfeld zusammenhängen.

Besondere Anforderungen im christlichen Arbeitskontext

Die Tätigkeit in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit ist durch hohe emotionale Beziehungsarbeit, vielfältige Rollenerwartungen und eine starke Verbindung von beruflicher Aufgabe und persönlicher Haltung geprägt. Diese spezifischen Rahmenbedingungen verstärken bestehende Anforderungen sozialer Berufe zusätzlich.

Gleichzeitig berichten viele Fachkräfte von einer hohen intrinsischen Motivation: 87 % erleben ihre Arbeit als sinnstiftend, 71 % sehen ihre Tätigkeit als Berufung. Diese Motivation wirkt stabilisierend, kann strukturelle Belastungen jedoch nicht dauerhaft kompensieren.

Lücke zwischen Entlastungsangeboten und gelebter Praxis

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Diskrepanz zwischen vorhandenen Entlastungsstrukturen und ihrer tatsächlichen Nutzung. Zwar bestehen häufig formale Möglichkeiten wie Überstundenausgleich oder Gespräche mit Vorgesetzten, doch werden diese nur eingeschränkt genutzt. Die Ergebnisse deuten auf kulturelle und organisationale Barrieren hin, die einer wirksamen Entlastung entgegenstehen.

Zudem zeigen sich Defizite in Ausbildung, Begleitung und Berufseinstieg sowie deutliche Auswirkungen der Arbeitsbelastung auf das Privatleben vieler Fachkräfte.

Forschungsbericht schließt wichtige Forschungslücke

Der Bericht versteht sich als empirische Grundlage für eine differenzierte Diskussion über Arbeitsbedingungen, Gesundheit und Zukunftsperspektiven in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit. Er formuliert keine direkten Handlungsempfehlungen, benennt jedoch zentrale Stellschrauben für Prävention und strukturelle Verbesserungen.

„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Überlastung in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit kein Randphänomen ist, sondern strukturelle Ursachen hat“, erklärt Studienautorin Sina Müller, M.A. (Mitarbeiterin im Institut für Missionarische Jugendarbeit). „Gleichzeitig wird sichtbar, dass gute Rahmenbedingungen, vorbereitende Ausbildung und wirksame Entlastungsstrukturen einen realen Unterschied für das Wohlbefinden der Fachkräfte machen können.“

Auch Prof. Dr. Florian Karcher (Leiter des Instituts für Missionarische Jugendarbeit) betont die Bedeutung der Ergebnisse für die Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes: „Die hohe intrinsische Motivation vieler Mitarbeitenden trägt das System derzeit stark mit. Langfristig reicht persönliche Hingabe allein jedoch nicht aus – nachhaltige Arbeitsfähigkeit erfordert verlässliche strukturelle Bedingungen und eine Kultur, in der Entlastung selbstverständlich ist.“

Grundlage für weitere Forschung und Entwicklung

Die Studie versteht sich als Ausgangspunkt für weiterführende Untersuchungen und eröffnet Perspektiven für qualitative Forschung, Vergleichsstudien in anderen kirchlichen Arbeitsfeldern sowie Analysen zur Wirksamkeit von Entlastungsmaßnahmen.

Mit der Veröffentlichung liegt erstmals eine umfassende empirische Grundlage zur mentalen Gesundheit hauptamtlicher Fachkräfte in der christlichen Kinder- und Jugendarbeit vor – und damit eine wichtige Basis für Diskussionen über nachhaltige Arbeitsbedingungen in einem zentralen gesellschaftlichen und kirchlichen Handlungsfeld.

Der Forschungsbericht ist kostenlos auf der Seite des Instituts für missionarische Jugendarbeit abrufbar unter:

 

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Die 2009 gegründete, staatlich und kirchlich anerkannte CVJM-Hochschule – YMCA University of Applied Sciences – führt in Präsenz- sowie in berufsbegleitenden und onlinebasierten Teilzeit-Studiengängen in den Bereichen Theologie und Soziale Arbeit zum Bachelor of Arts und Master of Arts. Außerdem bildet die CVJM-Hochschule Erzieher*innen und Jugendreferent*innen aus. Verschiedene Weiterbildungen ergänzen das Angebot. Die CVJM-Hochschule betreibt zusätzlich vier Forschungsinstitute (Institut für Erlebnispädagogik, Institut für Missionarische Jugendarbeit, Institut empirica für Jugendkultur und Religion sowie das Evangelische Bank Institut für Ethisches Management). Zum Wintersemester 2023/2024 sind 474 Studierende immatrikuliert. Rektor der CVJM-Hochschule ist Prof. Dr. Tobias Faix. Die Studierenden leben in einer Lern- und Lebensgemeinschaft auf dem bzw. in der Nähe des Campus.

Träger der CVJM-Hochschule ist der deutschlandweite Dachverband der Christlichen Vereine Junger Menschen (CVJM/YMCA), der CVJM Deutschland. Der CVJM/YMCA ist weltweit die größte überkonfessionelle christliche Jugendorganisation, die insgesamt 40 Millionen Menschen direkt erreicht, und weitere 25 Millionen Menschen indirekt. In Deutschland hat der CVJM 310.000 Mitglieder und regelmäßige Teilnehmende. Darüber hinaus erreicht er in seinen Programmen, Aktionen und Freizeiten jedes Jahr fast eine Million junge Menschen. Schwerpunkt des CVJM in Deutschland ist die örtliche Jugendarbeit in 1.400 Vereinen, Jugendwerken und Jugenddörfern.

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