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Das intensive Verhältnis war sehr bereichernd

Andreas Brauchle
Andreas Brauchle
Dachdecker bei der Arbeit
Dachdecker bei der Arbeit

Andreas Brauchle berich­tet von sei­nem Pra­xis­se­mes­ter im See­haus Leon­berg — Jugend­straf­voll­zug in freien Formen:

Andreas, wo hast du dein Prak­ti­kum absol­viert und wie bist du dar­auf auf­merk­sam geworden?

Ich wollte mein Pra­xis­se­mes­ter in einer Arbeit mit Häft­lin­gen oder Straf­tä­tern absol­vie­ren und bin bei mei­ner Suche auf das See­haus Leon­berg gesto­ßen. Das ist eine soziale Ein­rich­tung, die inner­halb des Straf­voll­zugs eine Alter­na­tive für ver­ur­teilte jugend­li­che Straf­tä­ter bie­tet. Bis zu 21 Jugend­li­che leben dort in einer Gemein­schaft und haben die Chance, einen Schul­ab­schluss und ihr ers­tes Lehr­jahr in einem Hand­werk­li­chen Betrieb zu machen.

Wel­che Auf­ga­ben stan­den auf dei­ner Tagesordnung?

Meine Haupt­auf­gabe war es, das WG– bzw. Fami­li­en­le­ben mit­zu­ge­stal­ten, gute Bezie­hun­gen zu den Jugend­li­chen auf­zu­bauen, sie anzu­lei­ten und ein Vor­bild im all­täg­li­chen Leben zu sein. Außer­dem habe ich sie bei Haus­auf­ga­ben und Bewer­bun­gen unterstützt. Regel­mä­ßig wur­den AGs ange­bo­ten, und ich habe den Sport­unterricht vor­be­rei­tet. Ein­mal die Woche war ich direkt im Gefäng­nis, um dort eine Frei­zeit­gruppe anzubieten.

Rennen am Morgen
Jogger

Was hat dir am meis­ten Freude bereitet?

Es war toll zu sehen, dass das all­täg­li­che Leben mit die­ser Ziel­gruppe so toll funk­tio­niert hat. Der sehr aktive und per­sön­lich geprägte All­tag im See­haus hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das inten­sive Ver­hält­nis unter­ein­an­der ist her­aus­for­dernd, aber auch sehr berei­chernd, denn ich bekam viel Input, Rück­mel­dun­gen und Unter­stüt­zung auf einer per­sön­li­chen Ebene. Dadurch habe ich mich sehr wohl gefühlt.

Was war deine größte Herausforderung?

Mein Thema war es, mich durch­zu­set­zen, mir Auto­ri­tät zu ver­schaf­fen und diese auch zu bewah­ren. Es war sehr wich­tig für mich, bewusst und reflek­tiert zu han­deln, um z. B. erklä­ren zu kön­nen, warum Dinge wie gemacht oder ver­langt wer­den. Man­che Dinge müs­sen ein­fach erle­digt wer­den, weil sie dran sind. Und das ist durchzusetzen.

Kannst du dir vor­stel­len, die­ser Auf­gabe auch haupt­be­ruf­lich nachzugehen?

Ja, auf jeden Fall! Im See­haus wird pro­fes­sio­nell und mit viel Herz gear­bei­tet. Unter den Mit­ar­bei­tern herrscht ein sehr gutes Arbeits­klima und das enge Ver­hält­nis durch die Lebens­ge­mein­schaft habe ich als sehr posi­tiv und för­dernd erlebt. Die Jugend­li­chen haben extrem viel Poten­zial, wel­ches „nur“ in die rich­tige Rich­tung gelenkt wer­den muss. Durch die viele Zeit die man jeden Tag mit den Jugend­lichen ver­bringt, kann man immer wie­der Ent­wick­lun­gen und Fort­schritte ent­de­cken. Auch wenn bei eini­gen nach der Zeit im See­haus fürs Erste nur der berühmte Samen gesät wor­den ist.

An der CVJM-Hochschule ist das Pra­xis­se­mes­ter eine Zeit, in der die Stu­die­ren­den in viel­fäl­ti­gen Pra­xis­fel­dern der Sozia­len Arbeit oder Gemein­de­päd­ago­gik tätig wer­den.