Forschungsvorhaben: Identitätsbildung durch Rituale in familialen Kontexten

Prof. Dr. Christiane Schurian-Bremecker
Soziale Arbeit, Schwerpunkt: Methoden der Sozialen Arbeit

An der CVJM-Hochschule, die sich zu einem ganzheitlichen christlichen Menschenbild bekennt, ist es in besonderer Weise angezeigt, Fragestellungen zu bearbeiten, die die Identitätsbildung von Menschen in familialen Gemeinschaften betrifft. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines sich im Wandel befindenden Familienlebens, das sich zwischen Tradition und Moderne in unserer pluralen Gesellschaft konstruiert. Vielfältige Herausforderungen sind mit dem Thema verbunden. Eine Forschungsfragestellung, die schwerpunktmäßig die Identitätsbildung durch rituelle Ausgestaltungen im familialen Zusammenhang untersucht, verspricht hier weiterführende Ergebnisse. Eine Untersuchung an der CVJM Hochschule interessiert besonders die christliche Werteentwicklung und Verantwortung.

Forschungsgegenstand

Für die individuelle Persönlichkeitsbildung haben Rituale, die im familialen Kontext stattfinden, eine weitreichende Bedeutung.

Um die Identitätsbildung durch Rituale im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu erforschen, kristallisieren sich zwei zentrale Projektbereiche heraus: die Ritualdynamik zwischen Tradition und rezentem Familienleben und die Bedeutung von Ritualen in innerfamilialen Lernprozessen.

Forschungsfragen

Ritualdynamik zwischen Tradition und rezentem Familienleben

Nach dem aktuellen Forschungsstand kann davon ausgegangen werden, dass eine funktionierende familiale Gemeinschaft Rituale braucht. Um die Beziehung zwischen Familienleben und Ritualen näher beschreiben zu können, sind die Ritualdynamiken im spezifischen Kontext einzuordnen und zu untersuchen. Dies kann anhand eines ausgewählten Rituals - beispielsweise die traditionelle Ausgestaltung eines Familienfestes (vgl. Roberts 1988) oder eines familialen Alltagrituals -, geschehen. Die folgenden Fragestellungen sind dabei leitend:

Wie wirkt sich die Reflexivität der Moderne auf die Geltung rituellen Handelns aus?

Welche Deutungsangebote machen Rituale, welche - christlichen - Werte, welche Zukunftsentwürfe oder Visionen vermitteln sie? Und inwiefern bilden sie eine generations?bergreifende Brücke, in der traditionelles Wissen weitervermittelt wird?

Bedeutung von Ritualen in innerfamilialen Lernprozessen

Die letzte Frage, die nach der Wertigkeit von traditionellem Wissen in Familien, verknüpft die beiden Forschungsfragen. Wissen und Ritual gehören zusammen, denn das, was im Ritual geschieht, ereignet sich in Prozessen der Nachahmung, der Mimesis (Wulf 2004).

Rituale tradieren also Wissen: Menschen übernehmen Werte und Normen durch sich in den rituellen Ausgestaltungen findenden Bildern und Handlungen. Darüber hinaus sind Rituale selbst bildungsimmanent.[1]

Thematisch ergeben sich hier vielfältige Möglichkeiten, Forschungen zu initiieren. In diesen Kontext gehört die inhaltliche Ausgestaltung von christlichen Grundüberzeugungen. Es stellt sich die Frage, welche Werte und Überzeugungen wie übermittelt werden. Die aus empirisch ermittelten Ergebnissen gefundenen Informationen ermöglichen es dann, Strukturen, Zwänge, aber auch Potentiale und Möglichkeiten in Familien zu erkennen, um so Unterstützungsmaßnahmen einleiten zu können.

Über die basale Wissensvermittlung in familialen Gemeinschaften hinaus, interessieren Fragen der sozialen Interaktion und die Formen der Übermittlung. Hier ist eine erneute inhaltliche Anknüpfung zur ersten Forschungsfrage gegeben. Folgende Fragen sind dabei von besonderer Bedeutung:

Wie gestaltet sich der soziale Interaktionsprozess, sowohl der generationenübergreifende (Eltern, Großeltern) als auch der intergenerationelle (Geschwister)?

Welche Prozesse innerhalb der Ritualaus- und aufführungen lassen sich feststellen? Welche Rolle spielen neben Printmedien die verschiedenen medialen Formen der Vermittlung? Und welche Mechanismen beeinflussen den Auswahlprozess?

Literatur

Bourdieu, Pierre (1987) Die feinen Unterschiede Frankfurt am Main

Roberts, Janine (1988) Setting the Frame: Definition, Function, and Typology of Rituals. In: Imber-Black, Evan (hrsg): Rituals in Families and Family Therapy. New York, S. 3-46

Schurian-Bremecker, Christiane (2008) Kindliche Einschlafrituale im Kontext sozialer und kultureller Heterogenität Kassel

Wulf, Christoph (u.a.) (2004) Bildung im Ritual - Schule, Familie, Jugend, Medien. Wiesbaden

 


[1] Im Kontext kindlicher Einschlafrituale konnte bereits nachgewiesen werden, dass Einschlafgeschichten, Lieder und Gebete etc., die in einer rituellen, sicheren und angenehmen Atmosphäre stattfinden, eine weite Bildungswirkung entfalten (Schurian-Bremecker 2008). Die empirischen Ergebnisse bzgl. des abendlichen Vorleserituals korrespondieren mit wichtigen Untersuchungen zur "literacy competence". Forschungen zur Sprach- und Leseförderung deuten darauf hin, dass die familiale Unterstützung die Lesesozialisation von Kindern entscheidend beeinflusst.